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Paddags-Haus

Wenn Steine reden könnten: das "Paddagds-Haus"

Es gilt als das älteste Haus in Pappendorf und der Umgebung.

Das sogenannte „Paddags-Haus“. Bei einer dendrochronologischen Untersuchung, mit deren Hilfe mit wissenschaftlicher Akribie das Alter der Bäume festgestellt wird, aus denen die Balken sind, haben Fachleute ermittelt, dass das Haus in den 1620er Jahren entstanden ist.
Erste aussagefähige Daten stammen von 1840. Dort wird als Besitzer der Hüfner Christian Friedrich Fröhlich genannt. Zum kleinen Anwesen mit der Nr. 36 gehören also noch etwa drei Hektar landwirtschaftliche Nutz-fläche. 1883 wird es als Auszugshaus des Altbauern Adolph Friedrich Hofmann genannt, der seinen Hof, die Nr. 37, heute im Besitz von Gitta Uhlig, an seinen Sohn übergeben hat. Offensichtlich endet da auch die eigene Landwirtschaft. Ein um 1900 entstandenes Foto zeigt uns noch den kleinen Erker, durch den einst das Heu auf den Boden befördert wurde. Es war damals ein typisches Wohnstallhaus, also Mensch und Tier lebten unter einem Dach.

Hans-Jürgen Kunze erinnert sich, dass sein Vater Richard im Jahre 1923 dort das Licht der Welt erblickte. Noch 1932 werden Meta und Rudolf Kunze als Mieter genannt. Ihnen folgen Frieda und Johann Nothnagel als Bewohner. Als die Rote Armee im Herbst 1944 in Ostpreußen erstmals deutschen Boden betritt, dürfen endlich die im Memelland am Kurischen Haff lebenden deutschen Landsleute das Land ihrer Väter schweren Herzens verlassen. Maria Jagsteidt, die als 13-Jährige zu diesem Treck gehört, erinnert sich:
Der Russe hatte bereits westlich von Tilsit eine Front aufgebaut. Eine Flucht über die einzige Straße nach Süden war nicht mehr möglich, sie war von Soldaten und Flüchtenden total verstopft. Im letzten Moment gelang uns die Flucht mit einem Schiff über das Kurische Haff zur Kurischen Nehrung.“ So kommen im November 1944 auch Martin und Auguste Paddags mit Tochter Gerda, Augustes Schwester Martha Kühn mit Tochter Annemarie und deren Sohn Ronald sowie Adolf und Marie Taureg mit Tochter Ruth nach Pappendorf. Ihre Heimatorte Kischken und Prätzmen im Memelland liegen zwar nur drei km voneinander entfernt, doch erst auf der Flucht lernen sie sich richtig kennen. Der Zustrom vieler Heimatvertriebener sorgt auch in Pappendorf für eine sehr angespannte Wohnraumsituation.

Im kleinen, dem Gutsbesitzer Otto Kaden gehörenden Haus mit der Nr. 36 wohnen zu dieser Zeit noch Johann und Frieda Nothnagel. Der erst 38 Jahre alte Johann, der österreichischer Staatsbürger ist, geht nach Kriegsende wieder zurück in seine Heimat. Seine 14 Jahre ältere Ehefrau bleibt in Pappendorf. Sehr bald werden nun Gerda Paddags, Martha Kühn und die Tauregs Hausgenossen von Frieda Nothnagel. Dadurch entspannt sich die Wohnsituation im Gehöft Fritzsche etwas. Martha Kühn beginnt ein Gewerbe als Damenschneiderin. Hier lernen Ruth Taureg von 1948 bis 1951 und Maria Jagsteidt von 1950 bis 1953 das Damenschneider-handwerk.
Ruth geht unmittelbar danach in den Westen. Martha Kühns Tochter Annemarie ist mit einem Litauer verheiratet, weshalb sie umgehend mit ihrem damals siebenjährigen Sohn Ronald wieder nach Litauen geht. In Memel trifft sie tatsächlich ihren Ehemann. Die Familie ist wieder zusammen. Maria Jagsteidt erinnert sich:

„Die große Stube im Erdgeschoß rechts war die Küche für Gerda Paddags, Tauregs und Martha Kühn. In der oberen Etage rechts war die Schneiderstube, zugleich Wohn- und Schlafraum von Frau Kühn. Dann gab es noch zwei kleine Zimmer, die den Tauregs und Gerda Paddags als Wohn- und Schlafraum dienten. Es war schon alles sehr beengt und bescheiden“.


Das Ehepaar Taureg findet um 1955 eine Wohnung auf dem „Goldenen Rand“ im Karl Wiedemann gehörenden kleinen „Hexenhaus“, heute im Besitz der Familie Hupfer. Etwa 1960 gehen sie in den Westen zu ihrer Tochter Ruth. Als Frieda Nothnagel einwilligt, mit dem Ehepaar Paddags zu tauschen, sind endlich wieder alle verbliebenen „Memelländer“ in der Nr. 36 unter einem Dach.


Als die Deutsche Wehrmacht zunehmend Probleme mit der Versorgung der Frontsoldaten bekommt, wird die „Heimat-front“ aufgefordert, „Liebesgabenpakete an einen unbekannten Soldaten zu schicken“. An dieser Aktion beteiligt sich in den vierziger Jahren auch die etwa 25jährige Gerda Paddags im Memelland. Es entsteht ein Briefwechsel mit dem aus Mecklenburg stammenden Wilhelm Lamprecht, der in Russland stationiert ist. Daraus entsteht eine Brieffreundschaft mit der Hoffnung, dass man eventuell nach dem Krieg ein Paar werden könnte. So landet Wilhelm schließlich in Pappendorf. Da er sich im Krieg eine nicht heilbare Krankheit zugezogen hat, will er keine Ehe eingehen. So bleibt er als „guter Freund“


Da Martha Kühn keine Möglichkeit sieht, dass ihre Tochter oder ihr Enkel jemals wieder nach Pappendorf kommen, „vermacht“ sie das Häuschen noch vor ihrem Tode im Jahre 1960 mündlich „im guten Glauben“ Gerda Paddags. Als diese schließlich das kleine Anwesen – ihre Eltern und Wilhelm Lamprecht sind ebenfalls nicht mehr am Leben – in den achtziger Jahren verkaufen will, wird es spannend. Zunächst interessiert sich die der Advent-Jugend nahestehende Pfadfindergruppe Hainichen für das Haus. Die Familie Paddags gehört zur Glaubensgemeinschaft der Adventisten. Doch dieser Versuch scheitert, da im Grundbuch Martha Kühn als Eigentümerin steht. Nun beginnt die Suche nach deren Nachkommen. Schließlich wird der Enkel Ronald in Litauen gefunden. Vom Amtsgericht Hainichen erhält er 1996 einen Erbschein. Damit ist er rechtmäßiger Eigentümer. Der inzwischen 58-Jährige ist Alkoholiker und wittert sofort eine Chance, zu Geld zu kommen. Seine Preisvorstellungen sind jedoch total überzogen.



Schließlich gibt es doch eine Einigung. Unter Einschaltung diplomatischer Kanäle kommt es 1997 zu einem Verkauf an einen Interessenten aus Freiberg, der wiederum 2010 weiter verkauft. Die Bemühungen der Gemeinde Striegistal, durch einen Erwerb das historische Denkmal vor dem Verfall zu bewahren, scheitern an der fehlenden Bereitschaft des Besitzers, zu verkaufen. Nun tritt Marcel Herklotz auf den Plan. Mit Beharrlichkeit, Enthusiasmus und Verhandlungsgeschick schafft er es, dass es zu einem Verkauf kommt.
Eigentümer ist nun nach neuestem Stand der Heimatverein „Striegistal e. V.“.